Das Medianum

Das Medianum Tischmodell


Ein Bau als Repräsentant für das zeitgemäße Bild von Europa

1. Die seit Michail Gorbatschow häufig gebrauchte Metapher vom »gemeinsamen Haus Europa« bzw. von der »Architektur des europäischen Hauses« konnte ein Phänomen ins Bewusstsein rufen, welches in allen Hochkulturen der Menschheit eine zentrale Rolle spielte:

Immer gab es eine bestimmte Gestalt repräsentativer Bauwerke, durch welche die jeweilige Kultur sowohl das sie tragende Welt- und Menschenbild als auch die Grundgedanken der herrschenden Gesellschaftsordnung ihrer Zeit in entsprechenden Formen repräsentativ zum Ausdruck brachte. Davon zeugen z. B. die Pyramiden im alten Ägypten, die Tempel des babylonischen, jüdischen, griechischen und römischen Altertums, auch die Kuppeln der Moscheen in der islamischen Welt, die Kathedralen des christlich-europäischen Mittelalters usw.

2. Als dann im weiteren Verlauf das staatlich-politische Leben in Europa die Religion allmählich von ihrer dominanten Position verdrängte und die Gesellschaft sich »säkularisierte«, kann man bis in die Gegenwart hinein verfolgen, wie bei den repräsentativen Bauten öffentlicher Institutionen des Staates, der Kultur und der Wirtschaft (z. B. bei Gebäuden des Parlamentarismus, des Justiz- und Finanzwesens aber auch bei Fabriken, Theatern und Kirchen) typische Elemente aus der Baukunst früherer Kulturepochen (so etwa die Pyramide, den von Säulen gestützten stumpfwinkligen Giebel über den Eingängen, die krönende Zentralkuppel oder Gewölbe-, Turm-, Fenster- und Fassadenformen der Romanik, der Gotik oder der Renaissance) zitiert werden. Wo - verstärkt in der Architektur des 20. Jahrhunderts - davon seltener oder kein Gebrauch mehr gemacht wird, treten letztlich typuslose Kreationen in Erscheinung, die, wenn es gut geht, zwar als ästhetisch gelungen gelten können, aber keine der spirituell-repräsentativen Dimensionen früherer Baukunst mehr offenbaren.

3. Auch auf diesem Gebiet hat sich der Individualismus als die dominierende Kraft der Neuzeit voll durchgesetzt - als gäbe es in unserer Weltwirklichkeit keine objektiven Gegebenheiten und Verbindlichkeiten mehr!

Obgleich diese Tendenz besonders deshalb verständlich ist, weil die Menschen heute das Gültige durch die freie Erkenntnis erst individuell erringen müssen und, anders als in alten Zeiten, es nicht mehr als vorgegeben voraussetzen können, träfe man die Wahrheit nicht, wenn man meinte, es habe sich in unserer Zeit alles Objektive ins Beliebige und Subjektive aufgelöst.

4. Tatsächlich besteht neben dieser Tendenz auch heute, um hier nur dies herauszugreifen, zum Beispiel die objektive Wirklichkeit des sozialen Organismus, freilich in anderer Gestalt als früher - nämlich, wie in den vorstehenden Abschnitten begründet, als nicht mehr zentralistisch, sondern als in seinen Gliedern emanzipiertes und zugleich vernetzt funktionierendes »organisches« Ganzes, das sich auch in einer entsprechenden Architektur nicht weniger adäquat widerspiegeln könnte bzw. durch einen originären baukünstlerischen Typus darstellen ließe, wie dies im Mittelalter, in der Antike oder noch früher unter anderen Bewusstseins- und Ordnungsbedingungen der Fall war.

Mit anderen Worten: Wir wollen parallel zum Projekt »EU-VerfassungsAgenda 2009«, besser: als integralen Teil desselben, einen solchen Bauimpuls initiieren, durch welchen die objektiv aus der geschichtlichen Entwicklung hervortretende Vision einer zeitgemäßen Konstitution für die Europäische Union eine ihr entsprechende, sie repräsentierende architektonische Erscheinungsform bekäme - als sinnlich erfahrbares Realsymbol ihrer geistigen Grundstruktur (Idee).

5. Wie sich aus den obigen Beschreibungen schon ergibt, kann dies durch eine Bauform geschehen, wie sie in der bisherigen Menschheitsgeschichte darum noch niemals aufgetreten ist, weil es in der Weltentwicklung die entsprechende Wirklichkeit einer die »Plastik« des gesellschaftlichen Lebens so strukturierenden Gestalt, wie sie sich heute deutlich abzeichnet, noch nie zuvor gegeben hat.

Diese Gestalt ist als ein in vier Funktionssystemen wirkendes Ganzes zu erkennen und kann daher, die Zeit ins Räumliche ausstülpend, durch ein Ensemble von vier sich durchdringenden Kuppeln ihren Ausdruck finden.

6. So lässt sich durch diese Bauidee (s. beigefügtes Modell-Foto) vor Augen stellen, welches die Grundstruktur der sozialen Ordnung werden muss, wenn sie auf der Höhe der Zeit angesiedelt sein soll. Es bildet diese Idee, in entsprechenden Gebäuden herauskristallisiert, stets eine das Bewusstsein der Zeitgenossen begleitende Stütze dafür, wie wir unser gesellschaftliches Handeln differenzieren müssen, damit die Heilkraft der ihrer Ästhetik immanenten Gesetzmäßigkeiten auch dieses Handeln in allen Bereichen zum Wohle des Ganzen durchdringen könnte.

7. Wir haben diesem neuen baukünstlerischen Typus den Namen »MEDIANUM« gegeben als Begriff für das Urbild des geistigen Ortes der Vermittlung und Verständigung zwischen den Funktionssystemen des sozialen Ganzen, um damit der Europäischen Union aus der Mitte ihrer Bürgerschaft neben der Flagge (mit den zwölf Repräsentanten für die Kräfte des Tierkreises) und neben der Hymne aus Beethovens 9. Symphonie (mit ihrem Bezug zu Schillers »Ode an die Freude« und deren Anruf an die Freundschaft und die Brüderlichkeit) ein drittes Identitätssymbol zu stiften - dasjenige ihrer urbildlichen Gestalt.

Wir verbinden damit den Vorschlag, ein solches »MEDIANUM« in der Hauptstadt eines jeden Mitgliedslandes als Kultur-, Kommunikations-, Konferenz- und Begegnungszentrum zu errichten - als Zeichen für das bewusst gestaltete Zusammenwirken sowohl der tragenden Ideale unserer europäischen Wertegemeinschaft als auch für das vernetzte System der funktionalen Glieder und Organe der EU.

Wir rufen alle Menschen in Europa dazu auf, sich für diese Aufgabe und Perspektive einzusetzen und das ihnen Mögliche zu ihrer Verwirklichung beizutragen. Mit einer dafür ins Leben zu rufenden Stiftung wollen wir - wie einst die Bauhütten an den Baustätten der gotischen Dome des Mittelalters - die Fähigkeiten und die Mittel für dieses Ziel mobilisieren.

Wir meinen, es sei an der Zeit, dass wir neben all den berechtigten Mahnmalen der Erinnerung an die ungeheuren Irrwege, Unmenschlichkeiten und Feindschaften, die nicht zuletzt noch im 20. Jahrhundert unseren Heimatkontinent mit unbeschreiblichem Leid überzogen, jetzt ein sinnhaftes Zeichen setzen sollten für unseren Willen und unser Vermögen, jenseits aller parteipolitischen Rivalitäten, ökonomischen Konkurrenzen, religiösen und kulturellen Unterschiede eine Zeitenwende herbeizuführen - und insofern in der Welt auch ein Zeichen zu setzen für den fälligen sozialen Paradigmenwechsel.

Die Kuppeln (»Domes«) des MEDIANUM sollen im ganzen Raum der EU für die Botschaft des neuen Europa stehen, dass wir uns stets mit allen Kräften dem Allgemeinmenschlichen verpflichten und uns vor allem Eigennutz menschheitlich dafür einsetzen wollen, dass alle Erdenbürger, dies ihrerseits gegenüber allen andern achtend, ein menschenwürdiges Leben führen und ihr Schicksal zum Wohle des Ganzen der Welt erfüllen können.

Wir laden unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in Europa ein, sich an diesem Werk zu beteiligen und es nach ihren Möglichkeiten zu unterstützen.

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