Wer nicht sät, soll auch nicht ernten?
Ein von Dirk Niebel, Generalsekretär der FDP, nicht zu Ende gedachtes Problem
Sehr geehrter Herr Niebel,
schön, dass Sie den Mut haben, sich in der Blogosphäre der Debatte zu stellen. Hoffentlich geht Ihnen, wenn nicht mehr nur ein Meinungspingpong stattfindet, sondern Argumente ausgetauscht werden, die Luft nicht zu früh aus; dann könnte ja für alle sogar ein Erkenntnisgewinn - wenn auch kein Börsengewinn - herausspringen! Let’s try, wait and see.
Zur Einstimmung in eine solche Debatte schicke ich Ihnen - und auch anderen, die politisch mehr in Oppsition zu Ihnen stehen und mit dem Vorschlag eines “bedingungslosen Grundeinkommens” sympathisieren werden - einen Anstoß zum Meditieren:
1. Dass auch gestern, ausgerechnet am Tag der Arbeit, allseits fast nur vom Einkommen die Rede war, das konnte man als einen inneren Widerspruch empfinden. Denn wäre es an diesem Tag nicht angebracht gewesen, unser Gemüt in erster Linie einem neuen Arbeitsbegriff zuzuwenden, anstatt in der politischen Agitation fetischartig den Begriff des Einkommens zu umkreisen wie das Volk Israel im alten Judentum das goldene Kalb - ob mit der Vorstellung eines “bedingten”, wie bei Ihnen (”Wer nicht sät, soll auch nicht ernten”) oder “bedingunslos” wie jene, gegen die Sie polemisieren?
Ein neuer Arbeitsbegriff: Wie könnte er lauten? In der Wirklichkeit unserer global-arbeitsteilig strukturierten Wirtschaft dem Kern der Sache nach so: Wir müssen unser Wirtschaftsleben künftig so einrichten, dass alle Menschen ihre Fähigkeiten in der “Arbeit für andere” einsetzen können, damit all die Leistungen erbracht werden, die zu einem menschenwürdigen Dasein für alle auf dieser Erde nötig sind. Das verlangt die auf dem Gesetz der Arbeitsteilung gründende Globalisierung systemlogisch. Bleibt das auf Dauer unbeachtet, wird sie die Welt an ihren systembedingten rechtlichen Widersprüchen zugrunderichten -menschlich und ökologisch.
Sollten wir unseren Enthusiasmus nicht endlich dafür entfachen, anstatt nur verschiedene Fronten in der Jagd nach Einkommen einander zu konfrontieren?
2. Natürlich: Das Einkommen für jeden ist eines der elementaren Menschenrechte, das wir demokratisch vereinbaren müssen. Wie anders sonst soll es denn im sozialen Organismus “gerecht” zugehen? Die Menschengemeinschaft ist doch keine Wildnis, wo die Dinge nach dem Gesetz des Darwinismus eingerichtet sind - es sei denn, wir verleugnen und vergessen uns als Kultur-, Vernunft- und Liebewesen!
3. Und da will ich Ihnen nun doch noch ein “offenbares Geheimnis” verraten, dem sie nicht gleich eine innere Absage erteilen sollten, nur weil unsere so oft noch materialistisch verblendete Naturwissenschaft sich selbst an jenem Erkenntnisfortschritt hindert, der auch ihr längst möglich wäre:
Jeder Mensch hat ja als geistig-seelisches Wesen, als autonome Entität ein in ihm selbst liegendes Abstammungsschicksal, d. h. seine irdisch gezeugte Leiblichkeit steht aus dem Erbstrom seiner Eltern bei seiner Geburt in Verbindung mit einer Individualität, die sich aus ihrer vorgeburtlichen Existenz inkarniert. Bevor sie das aber tut, hat sie in der geistigen Daseinssphäre - im “Himmel”, wie die Christen diese nennen - an einer Konferenz teilgenommen, bei welcher es darum ging, den “Plan” für ihr bevorstehendes Leben zu schmieden. Und dabei ging es entschieden darum, in Konsequenz ihres ganzen bisherigen Schicksalsweges sich mit all denen zu verständigen, mit denen sie auf der Erde im bevostehenden Leben zusammenwirken will, soll und muss, um im Menschheitsganzen ihre Aufgabe in der bestmöglichen Weise ergreifen und - z. B. u. a. durch das Berufleben - erfüllen zu können. Es ist unsere Aufgabe in der Erziehung und in der Selbsterziehung, diesen “roten Faden” auf unserem Lebensweg rechtzeitig zu entdecken und ihm dann zu folgen.
4. Dazu könnte nun aus von jedem Menschen, wenn er nur wollte, erreichbarer Erfahrung noch vieles weiter erzählt werden; damit meine Mitteilung an Sie nicht zu lang wird, sei’s fürs Erste genug; der hauptsächliche Gesichtspunkt kam zur Sprache. Aber ein Punkt muss in dem Zusammenhang, zu dem Sie sich geäußert haben, noch erwähnt werden: Bei dem zentralen Ereignis der Lebensplanungskonferenz wurde keine Sekunde über das Einkommen verhandelt, sehr tiefgehend jedoch wurde über unsere Verantwortung, ja Verpflichtung im Arbeitsleben gesprochen.
Freilich ist aber deswegen die Einkommensfrage und wie wir sie regeln auf dem irdischen Plan nicht minder wichtig. Ich habe ja oben schon klipp und klar gesagt, dass es sich beim Einkommen für ein menschenwürdiges Dasein um ein Menschenrecht handle und damit um etwas höchst Wesentliches, das sich aber hinieden sozusagen mit leichter Hand, also quasi als Selbstverständlichkeit ergeben würde, wenn wir eine zu dem Grundgesetz unseres heutigen Wirtschaftslebens systemkonforme Kampagne “Arbeit für andere”, statt nur eine solche für das “bedingungslose Grundeinkommen” führen würden.
Denn dann würde von den allermeisten sehr schnell durchschaut, dass dieses Ziel und die unendliche Fülle der Arbeitsaufgaben, die uns dafür in aller Zukunft nie “ausgehen” werden, auf der Grundlage der Ideologie und Praxis des heutigen Kapitalismus nicht zu realisieren ist, d. h. wir müssten diesen Kapitalismus durch ein alternatives Wirtschaftssystem ersetzen.
5. Kann es in der Gegenwart ein sinnvolleres Engagement geben, als sich für diese Perspektive mit allen Kräften einzusetzen? War die Parole im 19. Jhd “Proletarier aller Länder vereinigt euch”, so müssen wir sie heute zu der Parole “Demokraten aller Länder vereinigt euch” erweitert
denken und entsprechend organisieren.
Es wäre sicher “im Himmel” und bei Millionen von Menschen eine große Freude, sehr verehrter Herr Niebel, wenn Sie nach einer gewissenhaften Prüfung und nach umfassender öffentlicher Debatte aller mit einer solchen über kurz oder lang unumgänglichen Transformation zusammenhängenden Fragen auch zu dieser freien demokratischen Vereinigung gehören würden. Übrigens kann für die angesprochene Prüfung der Alternative das Lesebuch “Für eine Welt nach dem Maß des Menschen - Die Alternative zur neoliberal dominierten Gesellschaft ist notwendig und möglich” hilfreich sein. Näheres dazu finden Sie unter www.ig-eurovision.net.
Mit besten Grüßen
Wilfried Heidt
Kommentare
Trackbacks
-
zapata33 | Die Diskussion um das Grundeinkommen - ein kurzer Kommentar aus aktuellem Anlass
pingbacked Veröffentlicht am 2. Mai 2007 um 20:50
[…] Im EuroVisionBlog hat Wilfried Heidt auf Dirk Niebel geantwortet […]
-
EuroVisionBlog | Offener Brief an Maybrit Illner: So geht’s nicht!
pingbacked Veröffentlicht am 4. Mai 2007 um 13:50
[…] Da Sie selbst für die Korrepondenz mit Ihnen gleich das freie Wort an Auflagen binden und mitteilen, man solle seine “Frage möglichst kurz und prägnant” formulieren “und die mögliche Antwort [solle] viele Zuschauer interessieren” - womit Sie gleich zu erkennen geben, dass Sie, allwissend, auch wissen, was “viele Zuschauer” interessiert bzw. nicht interessiert, will ich gleich gar nicht anfangen mit einer Äußerung zum Thema Ihrer Sendung, sondern in dieser Hinsicht auf jene unkonventionellen Gedanken zum Stichwort “Grundeinkommen” hinweisen, die Sie z. B. - als zum Meditieren (= Besinnen) empfohlen - im Netz finden unter www.ig-eurovision.net/weblog (Beitrag zu Dirk Niebel) und www.zapata33.com (Beitrag Die Diskussion um das Grundeinkommen). Ein bloßes Meinungspingpong halte ich für der Sache “Urteilbildung” über neue Idee der gesellschaftlichen Entwicklung nicht dienlich. Damit bin ich beim Punkt der Kritik an Ihrer Sendung vom 3. 5. 2007. […]
-
EuroVisionBlog | Revolution der Begriffe - Evolution der Gesellschaft *
pingbacked Veröffentlicht am 5. Mai 2007 um 18:20
[…] Auf Dirk Niebels Beitrag “Wer nicht sät, soll auch nicht ernten.“, in welchem er ohne Kenntnis der Zusammenhänge gegen die Alternative eines “bedingungslosen Grundeinkommens” polemisiert, habe ich mit einigen unkonventionellen Erwägungen reagiert, die man erstmal gerne auch als Hypothese nehmen darf. Darauf hat eine Leserin u.a. geantwortet: “Einen neuen Arbeitsbegriff brauche ich nicht, ein Einkommen durch die gesellschaftlichen Einrichtungen schon. Für meine Arbeit will ich kein Geld, die kann ich nur verschenken. Auch will ich nichts verkaufen oder tauschen, die einzige natürliche menschliche Geste ist das Schenken. Eigentlich ist es sogar Bedingung für ein tätig werden, dass ich dafür nichts bekomme außer vielleicht einem ‘bedingungslosen’ Gegengeschenk.” […]

Einen neuen Arbeitsbegriff brauche ich nicht, ein Einkommen durch die gesellschaftlichen Einrichtungen schon.
Für meine Arbeit will ich kein Geld, die kann ich nur verschenken. Auch will ich nichts verkaufen oder tauschen, die einzige natürliche menschliche Geste ist das Schenken. Eigentlich ist es sogar Bedingung für ein tätig werden, dass ich dafür nichts bekomme außer vielleicht einem “bedingungslosen” Gegengeschenk.
Arbeit habe ich genug, und Geld bräuchte ich auch gar nicht, wenn nicht andere welches von mir einfordern würden. Wenn nun irgendjemand anders die finanziellen Dinge regeln würde, wäre das doch eine große Erleichterung. Sei dies nun eine Art Manager der sich um diese Dinge für mich kümmert oder sei es der Herr Werner der nicht nur mich, sondern gleich alle managen (versorgen) möchte.
Im übrigen kann auch ich mich nicht erinnern im Himmel über Einkommen verhandelt zu haben, umso mehr nervt es nun auf Erden, damit belästigt zu werden, eines haben zu müssen.
@ Maria
die Antwort auf Deinen Kommentar findet sich in einem neuen Blogeintrag: “Revolution der Begriffe - Evolution der Gesellschaft. Brauchen wir einen neuen Arbeitsbegriff, damit in der Gesellschaft das “bedingungslose Grundeinkommen” verwirklicht werden kann?”