Von der Revolution der Begriffe zur Evolution der Gesellschaft *
Brauchen wir einen neuen Arbeitsbegriff, damit in der Gesellschaft das “bedingungslose Grundeinkommen” verwirklicht werden kann?
Mitteilungen aus Korrespondenzen
Auf Dirk Niebels Beitrag “Wer nicht sät, soll auch nicht ernten“, in welchem er ohne Kenntnis der Zusammenhänge gegen die Alternative eines “bedingungslosen Grundeinkommens” polemisiert, habe ich mit einigen unkonventionellen Erwägungen reagiert, die man erstmal gerne auch als Hypothese nehmen darf. Darauf hat eine Leserin u.a. geantwortet: “Einen neuen Arbeitsbegriff brauche ich nicht, ein Einkommen durch die gesellschaftlichen Einrichtungen schon. Für meine Arbeit will ich kein Geld, die kann ich nur verschenken. Auch will ich nichts verkaufen oder tauschen, die einzige natürliche menschliche Geste ist das Schenken. Eigentlich ist es sogar Bedingung für ein tätig werden, dass ich dafür nichts bekomme außer vielleicht einem ‘bedingungslosen’ Gegengeschenk.”
In meiner Antwort an Maria führe ich das Thema einige Schritte weiter.
* aus dem Titel des 1982 in 2. Auflage erschienen Buches von Wilhelm Schmundt “Erkenntnisübungen zur Dreigliederung des sozialen Organismus - Durch Revolution der Begriffe zur Evolution der Gesellschaft”
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Hallo Maria,
schön, dass Du an der Diskussion teilnimmst. Mit dem, was Du in Deinen ersten Sätzen schreibst, stimmt doch ganz und gar überein, was ich Dirk Niebel u. a. auch geantwortet habe. Das ist genau das, was ich andeuten wollte mit dem, was ich den “neuen Arbeitsbegriff” nenne, den Du Dir aus “gesundem Menschenverstand” faktisch schon zu eigen gemacht hast [= “Arbeit für andere” will sagen: wir leben nicht mehr in den Zeiten der Selbstversorgungs-, sondern durch das Prinzip der Arbeitsteilung in der Fremdversogungswirtschaft; “Arbeit für die andern” meint, mit seinen Fähigkeiten - aus freier Einsicht in die entsprechenden Notwendigkeiten - beizutragen zu den Leistungen, welche “die andern” - das meint im Zeitalter der Globalisierung alle Menschen weltweit - zur Deckung ihres menschenwürdigen Lebensbedarfes brauchen. Das wiederum politisch verstanden und als “Menschenrecht” - gesellschaftlich verbindlich - demokratisch vereinbart, also nicht nur verstanden als traditionelles privates “Schenken”, sondern als unideologische Beschreibung der längst unsere Alltagspraxis bestimmenden Tatsachen].
Dieses Verhältnis müssen wir endlich den Tatsachen gemäß beschreiben und dürfen uns nicht mehr durch die heutige dazwischentretende “Geldordnung” täuschen lassen, als befänden wir uns noch immer in der Selbstversorgungs“täusch”wirtschaft nach der heute illusionär gewordenen Vorstellung von Leistung und durch Geld vermittelter Gegenleistung. Die Konsequenz aus dieser Einsicht wäre dann die Bereitstellung des Einkommens durch die - in Deinen Worten - entsprechenden “gesellschaftlichen Einrichtungen”.
Anstatt uns durch die im egoistischen Bodensatz unserer Seelen permanent wühlenden Psychologien verschiedenster Couleur erfolgreich ver”niebeln” zu lassen, müssen wir durchschauen lernen, was tatsächlich stattfindet. Das hat zunächst gar nichts mit “Moral” oder unterstelltem “Gutmenschentum” zu tun, um so mehr einfach mit einem realistischen Wirklichkeitsbild. Diesem müssen wir im Denken und dann in den Gesetzgebungen unseren Geldbegriff anpassen, damit er in Einklang steht mit dem bereits Praxis gewordenen neuen Arbeitsbegriff. Dann werden wir nicht mehr von der sog. “Erwerbsarbeit” schwatzen, die doch schon längst zu einem die Welt beherrschenden, wirklichkeits-widrigen, draculaartig-realen Gespenst geworden ist, das uns in all die Widersprüche zwingt, durch die wir auf Dauer die Erde zerstören und unser Menschsein vollends verlieren werden.
Wir werden, das ist meine Überzeugung, den notwendigen “Paradigmenwechsel” in dieser Hinsicht schwerlich erreichen, wenn wir nur auf der Einkommenseite “agitieren”. Denn das bindet die Seelen nach wie vor ans “Haben”, wie Erich Fromm es in den siebziger Jahren nannte, befreit sie nicht zum Begriff des “Schenkens” als der “einzig natürlichen menschlichen Geste” und das, wie Du hinzufügst, “eigentlich sogar Bedingung für ein Tätigwerden ist […].”
Ich stimme Dir auch bei dieser Formulierung zu, und - wenn ich mir erlauben darf, Dir das zu sagen - ich habe in den achtziger Jahren schon manches zu diesen Fragen publiziert und dabei, wie oben bereits kurz beschrieben, die Dinge aus der “Logik der Tatsachen” auch auf diesen Kernpunkt hin zugespitzt; denn nur dadurch werden die wirklichen Verhältnisse konsequent zu Ende gedacht.
Wenn ich darauf verweise - ein Teil dieser Publikationen ist inzwischen auch im Internet als pdf [aus dem Lesebuch “Für eine Welt nach dem Maß des Menschen” die Kapitel I, III und VI, dann das Buch “Die Chance der Befreiung“, sowie hier im Weblog “Die 3 Farben des 1. Mai …“] abrufbar -, so will ich Dich nicht abbringen von der Meinung, Du selbst brauchtest keinen “neuen Arbeitsbegriff”, weil Du ja im Bewusstsein ohnehin bereits eine Dich befriedigende Anschauung dazu gefunden hast. Ich informiere Dich über meine und einige meiner Freunde Arbeitsergebnisse lediglich für den Fall, dass Du vielleicht doch neugierig geworden sein könntest, mehr darüber zu erfahren - um es zu prüfen …
… dass Du aber zum Schluss Deiner Nachricht meine Erfahrung explizit bestätigst, dass auch Du Dich nicht erinnern kannst, “im Himmel über Einkommen verhandelt zu haben”, hat mich sehr erfreut. Denn so ist es wirklich bei allen unseren Menschengenossinnen und -genossen, nur leider ist die Erinnerung daran bei den Allerallermeisten beim Durchgang durch das Tor ihrer Geburt in ein tiefschlafähnliches Dunkel gesunken, und so bleibt ihr Leben lang verschüttet, dass bei der “vorgeburtlichen Konferenz” das Einkommen kein Thema war, um so mehr hingegen die Veranlagungen, die man mitbringt für die Arbeit, zu der man verpflichtet ist und die Verantwortung, die man gegenüber dem Menschheitsganzen übernehmen will sozusagen als Ausgleich für all das, was man durch die Zeiten von andern empfangen hat.
Das sind die Realitäten, in die Jedermensch Einblick bekommen kann, wenn er entsprechend übt, nicht nur die irdischen Verhältnisse zu erkennen und zu erfahren, sondern auch die “himmlischen” [geistigen] Welten. Das kann einen ja z. B. so eindrucksvoll die Musik lehren: Ohne das entsprechende Talent und die energische Übung bleibt die Geige halt allenfalls ein besonderes Stück Holz, mehr nicht. “Das Wesentliche ist unsichtbar …”
Würden wir in der Öffentlichkeit im denkbar größtem Stil über diese Zusammenhänge diskutieren, unsere Erkenntnisse und Erfahrungen unter Einbeziehung der Massenmedien austauschen, dann würden wir schon nach kurzer Zeit - sagen wir nach ein bis zwei Jahren - uns nicht mehr “genervt” und qualvoll um die Einkommensfrage mühen müssen, sondern, so meine These, wir fänden sozusagen mit leichter Hand für sie die richtige Antwort und wir würden die politischen Voraussetzungen dafür schaffen, das, was wir dazu wollen, demokratisch zu vereinbaren. Das können wir heutzutage allerdings nicht mehr einem Pharao, einem König oder Kaiser, oder, wie Du schreibst, “irgend jemand”, “einer Art Manager” oder auch dem “Herrn Werner” überlassen, der übrigens keineswegs “gleich alle managen möchte.”
Ich kann gut verstehen, dass Dir diese Seite des Lebens lästig ist - fast möchte ich vermuten, Dein Beruf liege im künstlerischen Bereich. Wir stehen hier knallhart im Zentrum der Machtfrage, wie sie sich heute stellt. Und um dieser Frage “Herr” zu werden, brauchen wir den “erweiterten Kunstbegriff”, wie Joseph Beuys ihn in die Debatte brachte. Hier sind Neugestaltungen fundamentaler Art in den Ordnungen unserer Demokratie vonnöten, deren Verwirklichung nur aus dem Willen des Volkes, aus seiner demokratischen Souveränität erreichbar ist.
Aber auch das ist bestens vorbereitet. Du findest es im Netz auf den Seiten www.volksgesetzgebung-jetzt.de, www.wirsinddeutschland.org und www.volksgesetzgebung-jetzt.at. Das hierfür Erforderliche liegt auch dem Deutschen Bundestag als Petition bereits auf dem Tisch. Würde die Mehrheit es schon in seiner Bedeutung erkannt haben und würden - sagen wir mal - mindestens 20 Millionen Stimmberechtigte ihre Willensbekundung auf der angebotenen Seite schon beigesteuert haben oder bald beisteuern, wäre die entscheidenste Prämisse für alles Weitere sehr schnell, d. h. maximal binnen eines Jahres, unter Dach und Fach.
Es wäre schön, wieder von Dir zu hören.
Herzliche Grüße - Wilfried Heidt
